Die „mikroökonomische Fundierung“ der Makroökonomie reduziert die Komplexität der Realität auf null.

Homo oeconomicus: Ein Fall für die Psychoanalyse

Homo oeconomicus: Ein Fall für die Psychoanalyse
Theorie | 27.05.2016

Die „mikroökonomische Fundierung“ der Makroökonomie reduziert die Komplexität der Realität auf null. Das ist nicht nur wissenschaftlich untragbar, sondern hat auch fatale Konsequenzen für die Qualität politischer Maßnahmen.
Der Erklärungsanspruch der herrschenden Wirtschaftstheorie ist ein totaler: Konsum und Sparen jedes Haushalts sowie Produktion und Investition jedes Unternehmers werden aus deren Nutzen- bzw. Profitmaximierung erklärt, der Preismechanismus bringt angebotene und nachgefragte Menge auf jedem Teilmarkt in Übereinstimmung. Das „Allgemeine Gleichgewicht“ ist mikroökonomisch fundiert.
Um diese Modellwelt zu konstruieren, mussten die Neoklassiker Ende des 19. Jahrhunderts extrem realitätsferne Annahmen setzen, neben vollkommener Information und perfekten Märkten auch den „homo oeconomicus“: Ein rein rationales, ihren Eigennutz maximierendes Individuum (hätte er Gefühle und soziale Interessen, funktioniert das Modell nicht mehr).
Nach dem Börsenkrach 1929 führten die aus der Gleichgewichtstheorie abgeleiteten Maßnahmen (Sparpolitik, Lohnsenkungen, Abwertungen) in die Katastrophe der Weltwirtschaftskrise. Zu ihrer Erklärung entwickelte Keynes eine makroökonomische Theorie. Er zeigte, dass die Gesamtnachfrage kleiner sein kann als das Produktionspotential einer Volkswirtschaft, dass also ein Gleichgewicht bei hoher Arbeitslosigkeit möglich ist. Durch den Preismechanismus der Märkte lässt es sich nicht überwinden.
Restauration der neoklassischen Theorie
Die neoliberale „Konterrevolution“ gegen Keynesianismus, Sozialstaatlichkeit und Gewerkschaften verwendete das Fehlen einer „mikroökonomischen Fundierung“ als Hauptargument gegen die Theorie von Keynes. Als positives Gegenbeispiel wurde die neoklassische Theorie restauriert und um „rationale Erwartungen“ ergänzt. Demnach bilden alle Akteure die gleichen Erwartungen, sie sind ja mit gleichen Informationen ausgestattet und verwenden die gleiche Theorie – die Neoklassik: Der Theoretiker projiziert seine eigene Vorstellungswelt in die Objekte seiner Theorie (ein Fall für die Psychoanalyse). Die Realitätsferne der Theorie wurde so weiter vergrößert – um ihrer Mikrofundierung willen.
Leider kann man selbst innerhalb der neoklassischen Denkwelt die Gesamtnachfrage nur dann aus den Nachfragekurven der einzelnen Akteure ableiten, wenn alle exakt gleiche Präferenzen haben. Daher wurde die Komplexität weiter reduziert: Es gibt nur einen repräsentativen und ewig lebenden „homo oeconomicus“, welcher seinen Nutzen durch Konsum und Freizeit über alle Zukunft maximiert. Er ist gleichzeitig einziger Besitzer und einziger Beschäftigter der einzig existierenden Firma.
Auf dem „Fundament“ dieser Annahmen werden die „dynamic stochastic general equilibrium models“ (DSGE-Modelle) geschätzt, sie sind heute „state of the art“ und werden daher auch von EU-Institutionen wie der EZB oder der Kommission für Prognosen und die Bewertung politischer Maßnahmen verwendet. Damit wurde die „mikroökonomische Fundierung“ vollendet und die Komplexität der Realität auf null reduziert.
Eine realitätsnahe Erforschung mikroökonomischen Verhaltens wird seit 30 Jahren von der „behavioral economics“ geleistet. Ihr Befund ist eindeutig: Die Grundannahmen der Gleichgewichtstheorie sind unhaltbar. Doch die herrschende Wissenschaft hält (sich) an dieser Weltanschauung fest. Einerseits wegen der „Beharrungstendenz“ eines Paradigmas, anderseits wegen Erkenntnisinteressen: Sozialabbau, Lohnkürzungen, Deregulierung und letztlich die Ent-Mächtigung der Politik erscheinen als ökonomische „Sachzwänge“.
„Bauchentscheidungen“ und momentane Befindlichkeiten
Tatsächlich lassen sich gesamtwirtschaftliche Prozesse auf Basis einer – selbst realitätsnahen – Analyse des Verhaltens der einzelnen Akteure nicht begreifen. Denn dieses wird zum einen durch individuelle Motive geprägt und zum anderen durch generell typische Muster – letztere gilt es herauszufiltern.
Ein konkretes Beispiel: Um die Dynamik von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen besser zu verstehen, begann ich vor 30 Jahren, in Trading Rooms zu gehen, die Akteure zu beobachten und zu interviewen. Es zeigte sich: Man kann die Transaktionen auch nur eines einzigen Traders innerhalb nur einer Stunde nicht vollständig erklären (auch der Trader selbst kann das nicht). Neue ökonomische und politische Nachrichten („news“), die Konfigurationen der Kursbewegungen („chartism“), die Signale computergesteuerter Spekulationssysteme interagieren mit emotionellen Charaktereigenschaften (aggressiv, vorsichtig, etc.), mit „Bauchentscheidungen“ und momentanen Befindlichkeiten.
Auf aggregierter Ebene – gemessen an Umsätzen und Kursen einer Aktie, Währung oder eines Aktienindex – gleichen sich die individuellen Faktoren aus (sie werden „saldiert“) und das Typische wird erkennbar. So entwickeln sich alle spekulativen Preise in „Schüben“ („runs“), und zwar auf Basis von Sekunden-, Minuten-, Stunden- oder Tagesdaten. Dieses „trending“ drückt die durch „news“ und/oder Signale von „trading systems“ vernetzten Reaktionen des „Händlerkollektivs“ aus. Über Monate oder Jahre dauern Kursschübe in eine Richtung länger als Gegenbewegungen und akkumulieren sich so zu „Bullen- und Bärenmärkten“. Dieses Phänomen drückt die Bedeutung von „Marktstimmungen“ aus.
Aufklärende und nützliche Wirtschaftsforschung muss daher mikro- und makroökonomische Analysen kombinieren, also den Wald und die Bäume sehen. Die herrschende Theorie sieht den Wald nicht vor lauter Bäumen nicht, sondern weil sie nur einen Baum kennt (den es nicht gibt).
Generell ist das Verhalten auf mikroökonomischer Ebene auch von individuell unterschiedlichen Motiven geprägt, die sich auf makroökonomischer Ebene ausgleichen. So weichen die Anteile der Konsumausgaben am verfügbaren Einkommen zwischen den Individuen merklich voneinander ab (auch je Einkommens- und Altersklasse), insgesamt zeigt sich aber ein stabiler Zusammenhang.
Sind Zusammenhänge auch auf makroökonomischer Ebene instabil, wie etwa bei der Investitionsnachfrage, so regt dies zu neuen Fragestellungen an (etwa bezüglich der Attraktivität von Finanzspekulation als Alternative zu unternehmerischer Realinvestition).
Gefangen im neoliberalen Denksystem
Auf makroökonomischer Ebene helfen auch wichtige Restriktionen bei der Suche nach Erklärungen: Da die Summe aller Defizite gleich der Summe aller Überschüsse ist, und in allen wichtigen Industrieländern schon seit Jahren nicht nur die Haushalte, sondern auch der Unternehmenssektor Überschüsse erzielt, so müssen Staat und/oder das Ausland Defizite aufweisen.
Dies regt wiederum zur Klärung der Kausalbeziehungen an (darüber kann die „Saldenmechanik“ nichts aussagen). Welche Rolle spielt die nach Ländern unterschiedliche Wirtschafts- und Lohnpolitik? Welchen Einfluss hatte die Instabilität von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen und die damit verbundenen Profitchancen von Finanzspekulation auf den Rückgang des unternehmerischen Finanzierungsdefizits seit den 1970er Jahren und sein „Drehen“ in einen Überschuss in den 2000er Jahren? Ist eine stabile Entwicklung überhaupt möglich, wenn der Unternehmenssektor permanent weniger investiert als er spart? Oder werden dann immer mehr Finanzaktiva geschaffen, die keine reale Deckung haben, weil ihnen nur Staatsschulden und faule Privatkredite gegenüber stehen?
Wer die Welt mit neoklassisch-neoliberaler Brille betrachtet, kann solche Frage nicht einmal stellen, geschweige denn beantworten. Er/sie geht vielmehr a priori von der Richtigkeit der mikroökonomisch fundierten Gleichgewichtstheorie aus und deutet empirische Beobachtungen innerhalb dieses Denksystems. Arbeitslosigkeit muss dann durch überhöhte Löhne, Regulierungen und die Gewerkschaften verursacht sein, der Staat muss an seiner Verschuldung selber schuld sein, Konjunkturschwankungen müssen durch „Technologieschocks“ verursacht sein, Bullen- und Bärenmärkte auf den „freiesten“ Märkten kann es nicht geben, etc., etc.
Business as usual
Die beschränkte Wahrnehmung als Folge des mikroökonomischen „Schliffs“ der neoliberalen Brille hat fatale Folgen. Dass sich vor der Finanzkrise drei simultane Bullenmärkte entwickelt hatten (Aktien, Rohstoffe, Immobilien), dass deren Vermögenseffekte die Illusion eines krisenfreien Kapitalismus genährt hatten und dass das Kippen in drei Bärenmärkte samt der massivsten Vermögensentwertung seit den 1930er Jahren eine globale Krise auslösen musste, kann nicht gesehen werden: „Business as usual“ auf den „freiesten“ Märkten darf die Krise nicht (mit)verursacht haben.
Daher wurde aus der Krise nichts gelernt. Vielmehr orientiert sich die Politik mehr denn je an der mikroökonomisch fundierten Navigationskarte. Sie erlaubte den Finanzakteuren, die Zinsen in Südeuropa in unfinanzierbare Höhen zu treiben. Der Euro-Rettungsschirm zwang diese Länder zu Sozialabbau, Lohnkürzungen, Abschaffung der Tarifverträge, etc. Das brutalste Sparprogramm musste Griechenland umsetzen, deshalb – und nicht wegen „Strukturproblemen“ – nahm seine Entwicklung einen katastrophalen Lauf.
Die Restauration des neoklassischen Weltbilds und damit des mikroökonomischen Denkstils in der Wirtschaftswissenschaft war und ist eingebettet in den Kampf der neoliberalen Ökonomen gegen die keynesianische Aufklärung. Diese hatte die Selbst-Ermächtigung der Politik wissenschaftlich legitimiert, für Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit und die Verringerung ungleicher Entfaltungschancen zu sorgen. Die neoliberale Gegen-Aufklärung schuf ein neues „höheres Wesen“, dem sich jeder Einzelne und auch die demokratisch legitimierte Politik zu unterwerfen hat: „Der Markt“, dem daher Subjektcharakter verliehen wird (was mittlerweile auch in die Alltagssprache Eingang gefunden hat).
Theorien als Waffen
Die neoliberale Offensive gegen Keynesianismus und Sozialstaatlichkeit begann schon vor 70 Jahren: 1947 gründete Hayek mit 38 Mitstreitern die „Mont-Pelerin-Society“ (MPS). Diesem Netzwerk gehörten alle bedeutenden neoliberalen Ökonomen an, darunter acht (spätere) Nobelpreisträger. Mit bewundernswerter Ausdauer erarbeiteten sie – damals Außenseiter – die Voraussetzungen für eine Gegenoffensive, mag es auch Jahrzehnte dauern.
Die wichtigsten „Waffen“ waren neue Theorien, welche die Liberalisierung der Finanzmärkte, generelle Deregulierung, den Abbau des Sozialstaats und die Aufgabe der Vollbeschäftigungspolitik wissenschaftlich legitimierten. Zur Popularisierung dieser Theorien wurden Think Tanks gegründet, ihre Zahl wuchs im Gleichschritt mit der Intensivierung der Offensive. Heute vernetzt das „Atlas Network“ 451 „free-market organizations“ in 95 Ländern.
Seit 40 Jahren sind keynesianisch orientierte Ökonomen zunehmend marginalisiert worden. Sofern sie nicht zum Mainstream übergelaufen sind, haben sie als Einzelkämpfer agiert. Für eine Gegen-Gegen-Aufklärung braucht es eine stärkere Vernetzung und die Entwicklung sowie Vermittlung neuer Makro-Theorien, welche erklären, warum die neoliberale Navigationskarte der Politik und damit indirekt die auf Mikroökonomie reduzierte Wirtschaftstheorie die Hauptursachen der gegenwärtigen Krise sind.
„Makroskop“ dient diesen Zielen, und das ist gut so.

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