Elitär plebiszitär

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Partei des kleinen Mannes und der kleinen Frau oder Partei der Großkopferten? (Frauke Petry auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart am 1. Mai)
Foto: Christian-Ditsch.de
Die Verkaufsschlager des Buchmarkts geben Auskunft über den Zustand einer Gesellschaft bzw. sind, was diese Zeiten angeht, Gradmesser fortschreitenden Schwachsinns. In der Kalenderwoche 18 (2. bis 8. Mai) fanden sich auf den Plätzen eins bis fünf der vom Spiegel erstellten Sachbuchbestsellerliste samt und sonders Titel, die befürchten lassen, dass der Irrationalismus als Reflexionsform zweckrationaler Vergesellschaftung einen unwiderruflichen Sieg davongetragen hat. Die Bücher auf den Rängen fünf bis drei repräsentieren dabei die esoterische Variante der Unvernunft. Der Dalai Lama, dieses »wunscherfüllende Juwel«, appelliert an die Welt und empfiehlt eine neue Ethik; ein katholischer Kirchenmann aus Bayern will verlorengegangene Schäfchen wieder einhegen, segnet ihnen Motorräder und Bobby-Cars und predigt das Glück des Glaubens; ein Förster mit dem sprechenden Namen Wohlleben verfasst eine Liebeserklärung an den deutschen Wald, den er anthropomorphistisch in eine Solidargemeinschaft beseelter Baumbarts verwandelt. Das alles ist irgendwie nach innen gerichtet und, einmal abgesehen von dem nervtötenden Geklapper, die je erteilten Ratschläge böten den Ausweg aus der am eigenen Leib erlebten Misere, eher harmlos zu nennen, solange man von dem Unfug nur in Ruhe gelassen wird.
Exoterischen, also nach außen gewandten, Irrationalismus in brutaler Form bieten die Titel auf den Plätzen eins und zwei. Hitlers »Mein Kampf« ist, wenn auch diesmal wissenschaftlich verbrämt (doch was kümmert das historisch-kritische Beiwerk?), erneut ein Kassenknüller. Geschlagen wird der Führer nur von Thilo Sarrazin. In seiner neuesten Hervorbringung rechnet der ehemalige Berliner Finanzsenator auf dem Ticket der sterbenden Arbeiterpartei SPD unter der Überschrift »Wunschdenken« mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ab.
Der De-facto-Chefideologe
Dass ihm die Zuwanderung ein Graus sein würde, konnte bereits erfahren, wer im von der Springer-Presse zustimmend begleiteten Bestseller »Deutschland schafft sich ab« aus dem Jahr 2010 Äußerungen vorfand, gegen die Gossenjournaille damals nichts einzuwenden hatte: Da ängstigte er sich vor einem »Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft« und behauptete, »dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind«.
Mit seiner klassisch rassistischen Rede von der rasanten Vermehrung genetisch Minderwertiger, die dem »Volkskörper« zusetzten, avancierte der besorgte Bürger Sarrazin zum De-facto-Chefideologen einer damals erst virtuell existierenden Rechtspartei, die allerdings anno 2016 ganz real in acht bzw. bald zehn Landtagen sitzt und längst schon, etwa von der FAZ, als respektabler Teil des Parteienladens der BRD behandelt wird, vorausgesetzt, sie wahrt (vorläufig) die nötigen Anstandsregeln.
Die »Alternative für Deutschland« erntet, was ein Sarrazin, aber auch andere in geistiger Niedertracht über Jahre gesät haben, auf einem Boden allerdings, der von einer (selbst als progressiv und antirassistisch präsentierten) Politik bereitet wurde, die dem Konkurrenzmechanismus innerhalb kapitalistischer Gesellschaften alle Fesseln genommen hat. Sarrazin, er sei hier ein letztes Mal als Beispiel elitärer Kanaille genannt, lieferte mit seinen Büchern die Bausteine nunmehr offizieller Parteiprogrammatik: die Sorge um die biologische Reinheit der Deutschen (»Deutschland schafft sich ab«), die Ablehnung der Gemeinschaftswährung (»Europa braucht den Euro nicht«), die Behauptung eines linksliberalen »Meinungskonformismus« (»Der neue Tugendterror«) und eben jüngst seine Generalabrechnung mit dem herrschenden Politikbetrieb (»Wunschdenken«). Dieses Schaffen durchzieht zudem durchgängig die Haltung eines sozialdarwinistischen »Survival of the Fittest«, die Menschen einzig nach ihrem ökonomischen Nutzwert beurteilt und die für die »arbeitsscheuen« Elenden und Armen nur Verachtung übrig hat, da es sich nach solchem Verständnis um unnütze Esser handelt.
Der Anti-Establishment-Mythos
Die AfD hat sich Ende April/Anfang Mai auf ihrem Parteitag in Stuttgart ein Programm gegeben, das, wenn auch zurückhaltend formuliert, ziemlich genau diese Fasson hat. Sie erhielt ihre ideologischen Blaupausen von Leuten, die schon seit Jahren gegen den eingebildeten »Mainstream«, die vorgebliche »Political Correctness« und gegen das behauptete »links-grün versiffte 68er-Deutschland« anschreiben, Leute wie Peter Sloterdijk, Botho Strauß oder Jan Fleischhauer (etliche andere ließen sich nennen), die ihr reaktionäres Räsonnement problemlos in Fernsehsendungen oder Zeitungsspalten unterbringen konnten. Underdogs und Outsider sind weder diese geistigen Wegbereiter noch das Parteipersonal. Die AfD in den Landtagen und in den Vorständen der Landesgliederungen wird von Chargen des Staatsapparats repräsentiert. In den Gremien und Fraktionen sitzen Studienräte und Hochschullehrer, Offiziere und Staatsanwälte. Randständig und verfemt war diese Organisation, anders als die Selbstbehauptungen Glauben machen sollen, mithin nie.
Und selbst die ach so verhasste »Medienmeute« schlägt mittlerweile verstärkt Töne der Sympathie an. Tilman Gerwien vom Stern muss bei Beobachtung des Parteitags ein wohliger Schauer über den Rücken gelaufen sein: »Diese Partei ist von ungeheurer, auch unheimlich zu nennender Vitalität. Wenn über 2.000 Parteimitglieder (…) anreisen, um volle zwei Tage in einer chronisch überfüllten Halle über ein Grundsatzprogramm zu debattieren, zu streiten, abzustimmen: Dann ist das, auch wenn die Inhalte oft abstoßend sein mögen, politisches Engagement und direkte Demokratie, gelebt mit einer Ausdauer und einer Intensität, wie sie in Deutschland lange nicht mehr zu beobachten waren.«
Aber es geht auch nüchterner, zweckorientierter. Heike Göbel, die in der FAZ jede noch so mickrige Forderung der Gewerkschaften und jede Androhung irgendeines klitzekleinen Ausstands als unerhörten Angriff auf die Freiheit, die der Unternehmen nämlich, geißelt, will sich mit der Distanzierung, die Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), gegenüber der AfD ausgesprochen hat, nicht abfinden. Die verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik in der »Zeitung für Deutschland« verlangt vielmehr, deren »Ideen vorbehaltloser daraufhin zu überprüfen, ob sie« – und nur darauf kommt es an – »das Land voranbringen können«. Sie traut, soll das heißen, der Partei durchaus zu, dass sie Wege und Mittel findet, den Ausbeutungsgrad bzw. die Profitrate zu erhöhen. Das zumindest sollte der BDI-Chef berücksichtigen.
Inzwischen schicken sich Vertreter der Branche an, nicht mehr nur wohlwollend zu schreiben, sondern direkt mitzutun. Im Februar wurde gemeldet, dass sich der damalige Chefreporter der Welt-Gruppe dem AfD-Vorstand als PR-Agent angedient hatte. Für die von ihm angebotene Imagepolitur soll Günther Lachmann ein monatliches Salär von 4.000 Euro verlangt haben. Als das herauskam, flog er bei Springer raus. Geschickter stellte sich ein Kollege vom Focus an. Michael Klonovsky, der sich nach deutscher Stärke, Heldentum und Virilität zurücksehnt, weil er um sich herum nur noch verweichlichte, an Nachkommenschaft desinteressierte Schlappschwänze erkennen kann, und der bereits 2010 im nämlichen Blatt unter dem Titel »Nation. Familie. Sprache« das Programm einer von ihm herbeigewünschten rechtskonservativen Partei skizziert hatte, quittierte unlängst ordnungsgemäß seinen Dienst beim faktenreichen Boulevardmagazin und heuerte bei Frauke Petry als deren Pressesprecher an.
Die Legitimationskrise
Viva Cuba Tour Gerardo Alfonso

Das Anti-Establishment-Geraune ist demnach ein – gleichwohl eifersüchtig verteidigter – Mythos. Einerseits. Dem Befund, den der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch den bürgerlichen Demokratien in den alten europäischen Industrienationen schon vor einigen Jahren ausgestellt hat, lässt sich andererseits nicht ernsthaft widersprechen: »Postdemokratie« beschreibt den mittlerweile offensichtlich eingetretenen Zustand, dass bei formaler Wahrung der tradierten Prozedere der Wahlen und der Regierungswechsel, der parlamentarischen Beratungen und Beschlüsse weitgehend gleichgültig geworden ist, wer gewählt wird, weil die maßgeblichen Entscheidungen ohnehin längst woanders getroffen werden. Vertreter einander bis zur Ununterscheidbarkeit angeglichener Parteien, verabschieden ahnungslos Gesetze, deren Texte von Interessengruppen des großen Kapitals formuliert worden sind. Abgeordnete als Abstimmungsautomaten beugen sich angeblichen Sachzwängen in äußerlich unveränderten, aber ausgehöhlten Institutionen des Parlamentarismus. »Die Mehrheit der Bürger«, schreibt Crouch, »spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.«
Für die Mitgliedsländer der Europäischen Union kommt eine Verlagerung der politischen Souveränität nach Brüssel hinzu, also eine weitere Entmachtung der nationalen Parlamente durch demokratisch nicht oder nur kaum legitimierte Gremien der Staatengemeinschaft. Ein Vorgang, der von der Classe politique dieses Landes zwar fast durch die Bank als antinationalistisches Modernisierungsprojekt begrüßt und vorangetrieben wird. Was daran aber gut sein soll, mag außer vielleicht noch Jürgen Habermas und den zuständigen Autoren von der taz mittlerweile immer weniger Menschen einleuchten.
Der stabilitätsstiftende Konsens zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Repräsentanten und Repräsentierten ist dahin. Antonio Gramsci nannte solche Situationen »organische Krise«. In seinen »Gefängnisheften« schreibt er: »Wenn die herrschende Klasse den Konsens verloren hat, das heißt nicht mehr ›führend‹, sondern einzig ›herrschend‹ ist, Inhaberin der reinen Zwangsgewalt, bedeutet das gerade, dass die großen Massen sich von den traditionellen Ideologien entfernt haben, nicht mehr an das glauben, woran sie zuvor glaubten usw.«
Volkswille und Volkszorn
Die AfD stößt mit ihren politischen Angeboten in diese Repräsentationslücke und behauptet, eine Antwort auf die Hegemoniekrise zu haben. Den »Vereinigten Staaten von Europa« erteilt sie ausweislich ihres Programms ebenso eine Absage wie einer »EU als Bundesstaat« und verlangt, den Nationalstaaten frühere Kompetenzen zurückzugeben. Das ganze firmiert unter der Losung: »Ein Europa der Vaterländer«. Das »Experiment Euro« fordert sie »geordnet zu beenden«. »Sollte sich der Bundestag dieser Forderung nicht anschließen«, heißt es weiter, »muss über den Verbleib Deutschlands im Währungsverbund eine Volksabstimmung durchgeführt werden«.
Volksabstimmungen sind denn auch der vorgeschlagene Modus, einen »illegitimen Zustand« zu überwinden, der sich dadurch auszeichne, dass »ein politisches Kartell, das die Schalthebel der staatlichen Macht, soweit diese nicht an die EU übertragen worden ist, die gesamte politische Bildung und große Teile der Versorgung der Bevölkerung mit politischen Informationen in Händen hat«. Mit politischem Kartell identifiziert werden die »Altparteien«, die in ihrer »Allmacht« eine »Ausbeutung des Staates« betrieben.
Die Formulierungen im Parteiprogramm bleiben zurückhaltend und vage. Andeutungen eines sehr speziellen Demokratieverständnisses enthalten sie dennoch. Die AfD will dem »Volkswillen« mit direktdemokratischen Methoden einen unverfälschten Ausdruck verleihen, Vermittler in Gestalt etablierter Parteien stören da. Der Begriff unterstellt eine klassenindifferente Einheitlichkeit, die es in einer auf Konkurrenz gegründeten und daher notwendig in Partikularismen und Interessengegensätze zerfallenden Gesellschaft nicht geben kann. Da diese Zerrissenheit nicht zu leugnen ist, wird angenommen, ein organischer »Volkswille« habe ursprünglich einmal existiert, sei allerdings durch das Wirken der »liberalen Demokratien«, wie der Spiritus rector der »Nouvelle Droite«, Alain de Benoist, bereits vor 30 Jahren in seiner Schrift »Demokratie: Das Problem« anmerkte, zerstört worden: »Die politischen Praktiken, die sie ans Werk setzen, tragen auch dazu bei, das Volk auseinanderzunehmen, es zu zerstückeln, zunächst in Fraktionen und Parteien, dann in Individuen, die einander vollkommen fremd sind«. Eine auffällige Verdrehung von Ursache und Wirkung, die sich immer dort ereignet, wo man über Produktionsweise und Eigentumsverhältnisse nicht reden will.
Das plebiszitäre Verfahren jedenfalls soll nach Meinung der AfD für Abhilfe sorgen. Wie man sich das vorzustellen hat, legte Marc Jongen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk dar, das am 1. Mai ausgestrahlt wurde: »Wir müssen einen mentalitätsmäßigen und psychopolitischen Stimmungsumschwung zustande bringen.« Dem stellvertretenden baden-württembergischen Landesvorsitzenden kommt es dabei, wie er sagt, auf »eine produktive Nutzung des Volkszorns« an. »Wie geht man«, fragt der Sloterdijk-Adept, »mit diesen Energien, die da brodeln, um?« Und beschwichtigt, die AfD sei keine »Aufwieglerin«, sondern die Instanz, die es vermag, »diese Energien zu kanalisieren«.
Der Agitator
Mit Psychopolitik den Volkszorn produktiv nutzen – das ist ein vornehmer Ausdruck für demagogische Agitation. Jemand wie Björn Höcke kennt sich damit aus. Seine rhetorischen Tricks hat der thüringische Landeschef einst erfolgreichen Vorgängern abgelauscht. Der deutsch-amerikanische Soziologe Leo Löwenthal hat in seinen 1948 erschienenen »Studien zur faschistischen Agitation« gewissermaßen den Generaltypus des Demagogen skizziert. »Der Agitator«, heißt es in »Falsche Propheten«, »geht seine Zuhörer nicht von außen her an; vielmehr gibt er sich wie jemand aus ihrer Mitte, der ihre innersten Gedanken formuliert. Er rührt das auf und drückt das in Worten aus, was in ihnen schlummert.« Und an anderer Stelle: »Während sowohl der Reformer als auch der Revolutionär ihre Energien darauf verwenden, Gedanken und Emotionen ihrer Zuhörer auf eine höhere Bewusstseinsebene zu transponieren, trachtet der Agitator danach, die irrationalen Elemente der ursprünglichen Anklage zu übertreiben und zu intensivieren.« Bei Höcke klingt das dann zum Beispiel so: »Befreien wir uns aus den Klauen des lebensfeindlichen Hypermoralismus: Wir, das deutsche Volk, sind moralisch nicht dazu verpflichtet, die Aufbau- und Lebensleistung von uns und unseren Vorfahren bis hin zur Selbstzerstörung unseres Gemeinwesens und seiner politischen Kultur den Hoffnungen der Migranten zu opfern. Wir sind nicht verpflichtet, unsere materielle und kulturelle Substanz zu verzehren. Und wir sind nicht verpflichtet, zur Minderheit im eigenen Land zu werden und unsere Selbstbestimmung im eigenen Land an Migranten-Mehrheiten abzugeben. 3.000 Jahre Europa, 1.000 Jahre Deutschland – ich gebe Euch nicht her. Und ich weiß: Ihr tut es auch nicht!« (Rede auf einer AfD-Demonstration in Erfurt am 24.9.2015)
Bei anderer Gelegenheit gab der AfD-Mann seinen Zuhörern Auskunft über die Beweggründe seines Tuns: »Mich trieb der Leidensdruck in die Politik, und mich trieb das in die Politik, was ihnen auch zu eigen ist, was aber vielen Altparteienpolitikern weltenfern gerückt ist: Mich trieb eine reine, ganz bescheidene, ehrliche und ganz tief empfundene Vaterlandsliebe in die Politik.« (Rede in Eppelheim 7.3.2015) Löwenthal schrieb 1948 über solcherart Getriebene: Der Agitator »beansprucht seine Führerstellung nicht, weil er die Situation besser als andere erfasst, sondern weil er mehr als andere unter ihr gelitten hat«.
Von Blankenese bis Bitterfeld
Höcke dürfte die Schwelle zur faschistischen Agitation bereits überschritten haben. Sein völkisches und nationalistisches Gerede scheint damit allerdings im Widerspruch zu den Aussagen des in Stuttgart verabschiedeten Programms zu stehen. Etliche Kritiker auf seiten der Linken und auch die Gewerkschaften haben in den vergangenen Wochen wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass die AfD eine Partei neoliberalen Zuschnitts sei. Das war als Warnung zu verstehen. Arbeiter und Arbeitslose sollten sich eines Besseren besinnen, denn diese Organisation vertrete ausweislich ihrer programmatischen Aussagen mitnichten deren Interessen. Der Nachweis, dass diese Partei neoliberal sei, ist billig zu haben. Passagen wie die über den schlanken Staat, der Ruf nach mehr Wettbewerb und weniger Staatsquote sowie das Bekenntnis zu den Ordoliberalen Walter Eucken, Alfred Müller‐Armack und Wilhelm Röpke bestätigen diese Einschätzung. Dem steht aber verstärkt die etwa von Alexander Gauland verbreitete Prätention entgegen, die AfD sei »auch« die Partei des kleinen Mannes. Jörg Meuthen, Bundessprecher und Vertreter des als »wirtschaftsliberal« bezeichneten Flügels formulierte in Stuttgart den Anspruch: »Wir wollen Volkspartei sein und die Geschicke dieses Land lenken.« Ob das erreicht werden kann, wenn sich die dem Ökonomieprofessor zugeschriebene Linie durchsetzt, darf bezweifelt werden. Massenanhang lässt sich damit nicht generieren.
So bleibt einstweilen ein inhaltlicher Widerspruch bestehen, der sich im Wahlverhalten widerspiegelt. »Die Alternative für Deutschland ist eine Partei der Besserverdienenden«, meldete die Welt Ende April unter Berufung auf einen Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. »33,9 Prozent aller AfD-Sympathisanten gehören zum reichsten Fünftel der Bevölkerung, weniger als zehn Prozent der AfD-Anhänger machen sich große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation.« Aber: »Die AfD wird zu großen Teilen von jenen gewählt, die jahrzehntelang als sozialdemokratische Kernklientel galten«, schreibt Robert Pausch vom Göttinger Institut für Demokratieforschung in einem Gastbeitrag für die Zeit unmittelbar nach den Landtagswahlen Mitte März. »Unter Arbeitern und Arbeitslosen erzielte die AfD in allen drei Bundesländern herausragende Ergebnisse. In Sachsen-Anhalt wählte mehr als ein Drittel von ihnen AfD, in Baden-Württemberg fast 30 Prozent.«
Es mag paradox klingen, aber die Informationen beider Nachrichten schließen einander keineswegs aus. In einem Hamburger Nobelviertel errichten Villenbewohner mit ihren Edelkarossen Barrikaden gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft, in den abgehängten Regionen der Republik gehen bereits bestehende immer wieder in Flammen auf. Hier die Wohlstandschauvinisten, die den Anblick der Habenichtse und Versager nicht ertragen können, dort diejenigen, die sich nach »national befreitem« Sozialstaat und seligen D-Mark-Zeiten sehnen und der Meinung sind, Abstammung müsse belohnt werden. Die AfD macht beiden Gruppen ein Angebot. Die Anrufung des gesamten »deutschen Volks« setzt die Beschwörung seiner »Feinde« voraus – die korrupte Politikerkaste, die zudringlichen Zuwanderer, der Fremdkörper Islam. Der Nationalismus und die Fremdenfeindlichkeit sind von Blankenese bis nach Bitterfeld der Kitt, der Elitäres und Plebiszitäres zusammenklebt.
Reserve des Monopolkapitals
Gerade diese widersprüchliche Einheit beschert der AfD Erfolge. Nun sagt aber die Anhängerschaft noch nichts darüber aus, welches Herrschaftsinteresse eine solche neue Kraft bedienen könnte. Sebastian Friedrich hat in der April-Nummer der Zeitschrift Analyse & Kritik die Behauptung aufgestellt, das »rechte Projekt der Kleinbürger und des Mittelstands« strebe »ein Klassenbündnis mit der Arbeiterklasse an«. Fragt sich, gegen wen eigentlich? Etwa gegen das Monopolkapital? Die Frage nach der herrschenden Klasse gilt mittlerweile auch unter Linken als unfein. Es schadet dennoch nicht, sie zu stellen. Die These, ein solches Klassenbündnis richte sich mit Unterstützung von »Unternehmen, die auf lokale und regionale Absatzmärkte setzten« gegen den »Machtblock« des »neoliberalen Kapitalismus« enthält die fehlerhafte Annahme, die soziale Zusammensetzung einer neuen Massenbewegung oder Partei gebe auch Auskunft über den Inhalt ihrer Politik. Implizit wird damit diesen Organisationen eine größere Unabhängigkeit vom Monopolkapital attestiert als bisherigen bürgerlich-demokratischen. Warum das so sein soll, erschließt sich nicht. Denn umgekehrt und angewandt auf gegenwärtige Verhältnisse ließe sich dem entgegenhalten, dass auch die Arbeiterpartei SPD und die klein- bzw. bildungsbürgerlichen Grünen während ihrer Regierungszeit doch wohl vor allem Politik im Interesse der großen Kapitals betrieben haben und am allerwenigsten im Interesse der Arbeiter.
Nun ist die Alternative für Deutschland keine faschistische Partei. Bisher. Sie hat denen ein Refugium geboten, die als Nationalkonservative in der CDU oder als Nationalliberale in der FDP ihr natürliches Habitat verloren haben. Sie hat aber eben auch originär völkischen und wenigstens protofaschistischen Kräften Raum gegeben und ihnen damit bisher unbekannte Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft.
Die maßgeblichen Teile des Monopolkapitals mögen den Aufstieg der AfD momentan als ärgerlich empfinden. Denn sie stört gegenwärtig die Geschäftsinteressen, spricht sich gegen TTIP aus und hält nicht viel von der EU. Doch das muss nicht so bleiben. Für den keineswegs mehr unwahrscheinlichen Fall, dass die deutschdominierte EU zerbricht, stünde für deutsches Großkapital und imperialistische Strategie eine Reserve, ja, eine »Alternative für Deutschland« bereit. Heike Göbel weiß, was sie an der AfD hat. Nicht auszuschließen, dass Grillo oder Nachfolger das auch bald wissen werden.

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