Schwarzer Kanal: Auf in den »richtigen« Krieg

https://www.jungewelt.de/2016/02-13/065.php
Aus: Ausgabe vom 13.02.2016, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage
Auf Seite eins der Zeit vom 11. Februar klagt deren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über »Die sprachlose Mitte« der Gesellschaft: »Wer sich das Grauen im Netz antun möchte, insbesondere auf Facebook, wo zum Beispiel Straftaten von Flüchtlingen angeprangert werden, die nie stattgefunden haben, der bekommt leicht eine Vorstellung davon, wie es im späten Mittelalter zu den Hexenverfolgungen kam. Leider haben sich die Menschen in den vergangenen 500 Jahren wohl doch nicht so grundlegend verändert.«

Woher »die Menschen« den Stoff für Pöbeleien und Aufrufe zu Gewalt beziehen, lässt der Zeit-Mann offen. Er hätte auf Seite drei derselben Ausgabe seines Wochenblattes verweisen können: Die dort zu findende Anhäufung von Lügen, großdeutschem Gedröhne, Dämonisierung Russlands und dessen Regierung, die geistige Mobilmachung, die Bernd Ulrich dort unter dem Titel »Ist er (gemeint ist Wladimir Putin – d. Verf.) so perfide oder sind wir so dumm?« veröffentlicht, lässt sich unter Hexenwahn ohne weiteres einordnen. Der Text besagt: Die bundesdeutsche »Mitte« ist nicht sprachlos, sie hat das Kampfblatt Zeit, und dort tobt sie sich aus, zumal gegen Niedrigstehende aus dem Osten, die sich unbotmäßig verhalten. Die Grundstimmung ist Hysterie, weil »die Russen« bekanntlich alle Jahre wieder und völlig überraschend nach Deutschland kommen wie Anno 1945.
Vor allem, was die Zukunft angeht, werden Delirien da zu Ausgangspunkten: »Nun, die Russen haben Aleppo wie wild bombardiert, sie schießen den Weg frei für die iranischen Milizen und die Soldaten des Assad-Regimes, weswegen sich in den nächsten Wochen auch noch die 300.000 in der zerstörten Stadt verbliebenen Syrer auf den Weg machen dürften.« Die 300.000 Flüchtlinge sind nicht auf dem Weg, aber einen Facebook-Wahn übertrifft der Ulrich spielend. Er darf sein spätes Mittelalter im Gegensatz zu denen, die di Lorenzo rügt, aber drucken, gehört damit zur »Mitte«, und weiß außerdem, wo der Oberhexer sitzt: Im Kreml.
Der Beginn eines Waffenstillstandes in Syrien, für den die Aufständischen einschließlich der Kopfabschneiderbrigaden Vorbedingungen machen, nicht Moskau und Damaskus, ist für einen Ulrich eine Art Vollbremsung, Frieden ohnehin der Super-GAU. Immerhin behauptet er nicht, der Westen und seine »Mitte« seien sprachlos, aber »wir« sind selbstverständlich Opfer: In den »falschen Kriegen der Ära Bush«, klagt er, habe der Westen »seine Entschlossenheit, seine Opferbereitschaft weitgehend aufgebraucht«. Wahrscheinlich beim karitativen Umbringen von einigen Millionen Menschen zwischen Mali und Afghanistan für Erdöl, Erdgas und neue Kolonien. Die nicht mehr so heißen.
Aber trotz aller Sprach- und Entschlusslosigkeit: Der Russe kommt nicht durch. Ulrich fragt: »Europa« könne ohne Russland »in dieser Welt nicht bestehen? Für solches Geschwätz vor allem aus der SPD hat er seine Tonnenideologie und doziert: »Die EU erzeugt jährlich ein Bruttoinlandsprodukt von 16 Billionen Dollar und verfügt über 515 atomare Sprengköpfe. Russland erwirtschaftet ein BIP von 1,2 Billionen Dollar, und das auch fast nur durch Bodenschätze, verfügt aber über 7.500 Nuklearsprengköpfe. (…) Nein, Europa braucht Russland nicht, um in dieser Welt zu bestehen, vielmehr bekämpft niemand auf der Welt Europa so wirkungsvoll wie Russland.« Hurra, der »richtige« Krieg ist gerettet. Wer den mag, ist bei di Lorenzo und Ulrich richtig. Sie wollen nicht eine sogenannte Diskussion vergiften, sondern das Ende aller Debatte zwecks Mobilisierung. Wahnvorstellungen auf Facebook sind harmlos im Vergleich zu dem ins Bestialische gekippten Willen zu Konfrontation, mit der die Propagandabeauftragten der Kriegsfraktion von potentieller Massenvernichtung schreiben oder schreiben lassen. Das heißt bei denen »sprachlos«.

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