Schuss gegen Weltfrieden

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»Schlag in unseren Rücken von Helfershelfern des Terrorismus«: Ein Video vom Abschuss der Su-24 wurde sofort von der Türkei verbreitet
Foto: EPA/HABERTURK TV
Die Türkei verschärfte am Dienstag mit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs die Lage in der Region und weltweit. Auf Antrag Ankaras wurde für Dienstag ein NATO-Sondertreffen in Brüssel einberufen. Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte bei einer Begegnung mit dem jordanischen König Abdullah II. in Sotschi, das »tragische Ereignis« werde »ernsthafte Konsequenzen für die türkisch-russischen Beziehungen« haben. Die Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Sahra Wagenknecht, kommentierte in einer Pressemitteilung, der Abschuss gefährde den Weltfrieden.
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, der Bomber vom Typ Su-24 habe sich ausschließlich im syrischen Luftraum aufgehalten. Nach türkischer Darstellung verletzte das Flugzeug die Grenze des Landes innerhalb von fünf Minuten zehn Mal und wurde von türkischen F-16-Kampfflugzeugen abgeschossen. Der Jet stürzte an einem Berg auf syrischer Seite ab. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu rechtfertigte die Aktion in Ankara damit, sein Land habe wiederholt vor Grenzverletzungen gewarnt.
Putin argumentierte, die Maschine habe nie die Türkei bedroht, sondern sei «im Kampf gegen den IS« gewesen. Den Abschuss bezeichnete er als »Stoß in den Rücken, den uns Helfershelfer des Terrorismus versetzten«. Russland stelle seit langem fest, dass aus den vom IS beherrschten Gebieten Syriens in beträchtlichem Umfang Erdöl und Erdölprodukte in die Türkei geliefert würden. Von dort wiederum fließe sehr viel Geld für die »Bandenformierung«. Es handele sich um »Hunderte Millionen US-Dollar, vielleicht Milliarden«, die zu dem hinzukämen, was der IS »von seiten ganzer Staaten« erhalte. Das erkläre, warum der IS sich so »pöbelhaft und schnoddrig« verhalte, »warum sie Menschen auf grausamste Weise umbringen, warum sie terroristische Akte in der ganzen Welt, auch im Herzen Europas, begehen«. Anstatt sich nach dem Vorfall sofort mit Russland in Verbindung zu setzen, habe sich die Türkei an die NATO-Partner gewandt. Putin fragte: »Wollen sie etwa die NATO in den Dienst des IS stellen?«
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In den vergangenen Tagen gab es bereits diplomatische Auseinandersetzungen zwischen Ankara und Moskau um von der Türkei unterstützte Milizen sogenannter Turkmenen in der betreffenden Region. Bei ihnen handelt es sich um eine türkischsprachige Minderheit sunnitischer Moslems in Syrien. Am vergangenen Donnerstag wurde der russische Botschafter in Ankara, Andrej Karlow, ins dortige Außenministerium bestellt, weil russische Bomber angeblich turkmenische Dörfer bombardiert hätten. Die Türkei kündigte an, deswegen den UN-Sicherheitsrat anzurufen. Ein Sprecher der syrischen Turkmenen, Ali Türkmani, hatte die Vorwürfe am Sonntag gegenüber der türkischen Tageszeitung Birgün allerdings zurückgewiesen.
Syrische Aufständische schossen Aktivisten zufolge im Nordwesten des Landes ebenfalls am Dienstag einen russischen Hubschrauber ab. Nach dem Abschuss des russischen Kampfjets teilten örtliche Milizen mit, einer der Piloten sei tot. Eine Gruppe namens Zehnte Küstenbrigade verbreitete ein Video, das den Leichnam zeigen soll. Als sich die beiden Piloten mit Fallschirmen zu retten versuchten, hätten Aufständische auf sie geschossen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte wegen »der wachsenden terroristischen Gefahr« einen für den heutigen Mittwoch geplanten Besuch in Istanbul ab und riet in einer Fernsehansprache seinen Landsleuten von Reisen in die Türkei ab.

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