Angst, gepaart mit Pathos

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Aus: Ausgabe vom 01.08.2015, Seite 11 / Feuilleton
Beeilung, Premierminister: Tsipras bleiben noch ein, zwei Monate

Beeilung, Premierminister: Tsipras bleiben noch ein, zwei Monate, dann ist seine Zeit abgelaufen, dann gehört auch er zum griechischen Establishment, zum »System Griechenland«, das das Land ruiniert hat
Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis
24. Juli 2015
Die Menschen wollen sprechen. Es gibt ein existentielles Bedürfnis nach Kommunikation. In der Metro neben mir sitzt ein älterer Straßenbahnfahrer, der gerade Feierabend. Er entpuppt sich als glühender Syriza-Anhänger. »Wir sind stolz darauf, diesen Kampf gegen die Troika geführt zu haben. Wir haben dadurch nicht nur Griechenland geändert, sondern auch Europa.« Obwohl ich nichts sage, insistiert er: »Glaub mir, mein Junge, sie haben einen Pyrrhussieg errungen.«
Viel Angst, gepaart mit Pathos, macht sich breit in Griechenland. Und auch die Gewissheit, dass Tsipras am Ende ist, noch bevor er überhaupt etwas beginnen konnte. Ihm bleiben vielleicht noch ein, zwei Monate, dann ist seine Zeit abgelaufen, dann gehört auch er zum griechischen Establishment, zum »System Griechenland«, das das Land ruiniert hat. In seiner Rede vor dem Parlament hieß es vorgestern: »Dieser Kampf wird nicht umsonst gewesen sein. Nur diejenigen Kämpfe sind umsonst, die nicht geführt werden.« Das klingt sehr melancholisch, nach Endspiel. Seine Partei bricht gerade auseinander, der geteilte Himmel über Athen bleibt geteilt, Griechenland bleibt eine Wunde. Im Oktober wird es Neuwahlen geben; die nächste Tragödie steht uns bevor.
25. Juli 2015
Meine Mutter versucht immer wieder, mich in die Pflicht zu nehmen, als wäre ich verantwortlich für die Krise in den deutsch-griechischen Beziehungen: »Warum ziehen die deutschen Medien und Politiker dauernd diese Vergleiche zwischen den Griechen und den Bulgaren oder den Rumänen! In Bulgarien und Rumänien, da haben sie keine EU-Preise, keine 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, das Gesundheitssystem ist dort nicht zusammengebrochen. In Griechenland sieht’s ganz anders aus: Die sozialen Systeme funktionieren nicht mehr. Bei Lidl und im Media-Markt müssen wir deutsche Preise zahlen, haben aber nicht die Gehälter wie in Deutschland. Bei den Mieten sieht’s genauso aus.« Sie erzählt von einer Freundin, die einen 31jährigen Sohn hat, der arbeitslos ist; die 24jährige Tochter studiert. Ihr Mann ist gestorben. Sie leben zu dritt von 500 Euro und zahlen allein für die Miete einer winzigen Wohnung 250 Euro. »Und dann stellen deutsche Politiker diese Vergleiche an, als seien Menschen wie meine Freundin und ihre Kinder Idioten, die nicht kapieren würden, dass es ihnen blendend geht, im Vergleich zu den Menschen in Bulgarien oder Rumänien.«
Wenn ich meine Mutter so sprechen höre, dann fällt mir ein großer Unterschied in der Betrachtungsweise auf: Wenn Griechen sich über »die Deutschen« kritisch äußern und manchmal auch ausflippen, meinen sie niemals das deutsche Volk, sondern immer die Regierung. Wenn Deutsche über »die Griechen« urteilen, meinen sie zumeist – sehr stigmatisierend – die gesamte Bevölkerung und fast niemals die Regierung. Bis die Tsipras-Regierung an die Macht kam, schien es mir fast so, als würde die deutsche Öffentlichkeit das griechische Volk für das kriminelle Fehlverhalten seiner ehemaligen Regierungen verantwortlich machen.
29. Juli 2015
Heute hat Mikis Geburtstag. Ich bekam vormittags die Nachricht, dass es ihm nicht gutgeht und er darum alle Verabredungen abgesagt hat. Kaum ein Fernseh- und Rundfunksender, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift ohne eine große Würdigung. Konzerte im ganzen Land. Selbst in Deutschland ein Tsunami von Veröffentlichungen in den Medien. Fast alle Zeitungen widmen Theodorakis halbe oder ganze Seiten. Süddeutsche, Welt, Tagesspiegel etc., mehr als 100 Publikationen am heutigen Tag allein in Deutschland.
Kurz vor 18 Uhr überraschend der Anruf. Mikis ließ anfragen, wo ich denn bleibe, ich solle vorbeikommen. Ich wollte schon immer mal wissen, wie große Komponisten ihren 90. Geburtstag feiern. Nun hab’ ich es erfahren: Mikis, leicht aufgerichtet in seinem Liegesessel, verfolgt im Fernsehen das Basketballspiel Litauen – Türkei. Weiter hinten der Parthenon und darüber der weite Himmel.
sommerkrimiabo  

Mikis: »Da bist du ja. Ich wollte dich noch mal sehen, bevor du morgen nach Deutschland zurückfliegst.« Er setzt die Sonnenbrille ab und zeigt auf sein rechtes Auge: »Siehst du«, sagt er. »Das Hämatom verblasst langsam.« Ein riesengroßer Bluterguss, seit Tagen auf seiner rechten Gesichtshälfte. »Deswegen hab’ ich die ganze Zeit die Sonnenbrille auf. Ich bin ja sonst nicht vorzeigbar.« Ich frage ihn, wie das passiert ist. Er setzt die Sonnenbrille wieder auf: »Das, was mit Griechenland passiert, hat auf mich psychosomatische Auswirkungen …« Er lächelt und schiebt die Fernbedienung ein Stück zur Seite. »Weißt du was … Diese Werke, die ich nicht geschrieben habe, die stören meinen Schlaf, immerzu …« – »Na, dann schreib doch einfach noch was auf davon«, erwidere ich. Mikis führt seinen Zeigefinger zum Kopf und rollt mit den Augen: »Die Musik hat ihre eigenen Vorstellungen davon, wann sie aufgeschrieben werden will. Jedenfalls – diese ungeschriebenen Werke rebellieren. Sie lassen mich nicht schlafen.«
Ich sage: »Schade, dass du heute nicht zum Konzert kommst. Alle erwarten dich dort. Mein Freund Jaka ist nur deshalb aus Berlin gekommen. Er hat vor zwei Jahren mit seiner Cinema for Peace Foundation unseren ›Recycling Medea‹-Film unterstützt.« Mikis greift nach rechts und hält die neueste CD mit seiner Musik in der Hand, »Echowand«. »Johanna Krumin singt das so, dass man zuhören muss. Näher kann man mir als Musiker nicht sein.« Mikis signiert die CD und sagt: »Zu seinem 90. Geburtstag schenkt Mikis Theodorakis Herrn Jaka die CD ›Echowand‹.« Er dreht den Kopf zum Fernseher. »Ich muss jetzt gehen«, sage ich. »das Konzert fängt bald an.«
Am Fahrstuhl passt R. mich ab. »Nein, nein, nein, nein …, du kannst noch nicht gehen. Jetzt kommt die Geburtstagsparty.« – »Was!?«, frage ich. R. drückt mir die Torte in die Hand. In der Mitte steckt eine brennende Kerze. Auf der Torte steht: »Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag«. R. schiebt mich vor sich her. Ich wieder zurück durch die Tür, mit der Torte in den Händen, dann R., ihr folgen Mikis’ Krankenschwester und zwei seiner Mitarbeiter. Mikis pustet freudig die Kerze aus, lehnt sich zurück und sagt mit breitem Lächeln: »Was für eine schöne Geburtstagsparty … Jetzt lasst mich aber weiter das Spiel Türkei gegen Litauen sehen.«
30. Juli 2015
Während der Pressekonferenz zur Gründung der »Hellas Filmbox Berlin« fragte gestern im Außenministerium eine junge Journalistin den deutschen Presseattaché, welchen griechischen Lieblingsfilm er habe. Er antwortet: »My Big Fat Greek Wedding«. Woraufhin der griechische Kulturminister erwiderte: »Im Gegensatz zu unseren deutschen Freunden kenne ich alle Filme von Schlöndorff, Wenders, von Trotta, Herzog und Fassbinder. Diese Filme haben mir geholfen, die deutsche Realität und die deutsche Mentalität zu begreifen. Unsere deutschen Freunde jedoch, sie wissen gar nichts über uns …«
Auf dem Rückflug erzählt mir jemand, es habe in der sogenannten Urzeit vierfüßige Schlangen gegeben. »Schlangen mit Füßen?« fragte ich. »Wozu Füße?« Sie lebten unter der Erde, so die Erklärung, in Höhlen, und gruben sich an die Erdoberfläche vor. Ein grässliches, sechzehnfüßiges Reptil schlief bis eben hinter dem Imithos-Berg. Kavafis hat in seinem Gedicht davon erzählt: Manchmal, alle paar Jahrhunderte, erwacht es und zuckt kurz mit dem Lid, dann schläft es weiter. Diesmal nicht. Diesmal behält es die Augen etwas länger offen, spürt seinen Hunger, richtet sich auf, öffnet seinen Rachen und rollt seine Zungen aus. Es muss kein Feuer speien. Es muss nicht brüllen. Keine Kraftverschwendung. Nur die Zungen ausrollen und sich holen, was zu holen ist. Häuser, Wohnungen, Gärten und was die Menschen sonst noch haben. Die Ersparnisse von den Konten werden langsam abgeräumt. Das Reptil hat keine Eile. In Grenzregionen bringen sie das Geld nach Bulgarien. Den Zungen des Reptils sind Grenzen einerlei.
Morgen, am Freitag, werde ich im Babylon stehen und sagen: »Dance Fight Love Die – Unterwegs mit Mikis«. Ja, ich will ertrinken in meinen Bildern. Absichtlich. Bevor die Zungen des Reptils uns holen. Aus 39 Grad in Athen stürze ich runter auf 16 Grad in Berlin oder rauf. Je nachdem, wie man das verstehen möchte.
Unser Autor arbeitet an dem Film »Dance Fight Love Die«, eine filmischen Montage über das Leben von Mikis Theodorakis. Am gestrigen Freitag zeigte er im Berliner Kino Babylon davon eine Vorabfassung. Am heutigen Samstag läuft dort um 22.30 Uhr sein politisch-künstlerischer Filmessay über die griechische Krise, »Recycling Media« von 2014, mit Musik von Mikis Theodorakis

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