DB im GdL-Streik: „Bewusst eine Sackgasse herbeiführen“

Polizei- und Geheimdienstmethoden gegen streikbereite Gewerkschaften wie die GdL | Strategische Beratung durch Zürcher Union Busting-Institut SNI

50_england_bahn-streik_First_train_from_Newcastle_after_strike_endsDer erste Zug aus Newcastle fährt wieder: Ende eines Bahnstreiks in England am 24. Oktober 1950. (Quelle: Wikicommons)

von Werner Rügemer

Wenn der Bahn-Vorstand mit Gewerkschaften verhandelt, ist Werner Bayreuther dabei. Er ist Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverband der Mobilitäts- und Verkehrsdienstleister (Agv-MoVe). Er gehört aber auch zum Team des Schranner Negotiation Institute (SNI) in Zürich. Auf der Website des SNI wird Bayreuther angepriesen: „Er hat die Deutsche Bahn in der Verhandlung mit der GdL beraten und aktiv unterstützt.“

Von Geheimdienst und FBI lernen: Es gibt keine win-win-Situation

Das SNI arbeitet weltweit im Auftrag von Unternehmen und Regierungen, nach dem Motto „Wenn Verhandlungen schwierig werden“. Die Berater sind allgegenwärtig, bleiben aber unsichtbar: „Wir unterstützen Sie im Hintergrund vor, während und nach Ihren Verhandlungen.“

SNI versteht sich nicht als Schlichter. Der Kunde soll am Ende als „Sieger“ und die andere Seite als „Verlierer“ dastehen: „Mit unserer Unterstützung werden Sie Verhandlungssieger.“ Intern heißt es „Es gibt bei Verhandlungen keine win-win-Situation“. In der Öffentlichkeit sagt Bahn-Personalchef Ulrich Weber das Gegenteil: Kompromiss, Aufeinander zugehen…

28. Nov. 1990, Berlin-Ostbahnhof. Der große Reichsbahnstreik gegen Massenentlassungen in der Wendezeit.28. Nov. 1990, Berlin-Ostbahnhof. Der große Reichsbahnstreik gegen Massenentlassungen in der Wendezeit.

Die Verhandlungen werden als Strategiespiele angelegt: Die Berater ermitteln zuerst „die Motive hinter den Positionen“. Dazu gehört die Analyse der Persönlichkeitsstrukturen des Gegenübers: Er soll in der Öffentlichkeit möglichst als „schwierige Persönlichkeit“ erscheinen.
SNI preist seinen Trainer Leo Martin so an: Er war „10 Jahre lang für einen großen deutschen Nachrichtendienst im Einsatz.“ Sein Spezialgebiet war das Anwerben und Führen von V-Leuten. Er hat das Buch geschrieben „Ich durchschau dich!“ Martins Standard-Referat bei Seminaren lautet: „Analyse des Verhandlungspartners: Vom Geheimdienst lernen.“ Was auf der SNI-website nicht steht: „Leo Martin“ heißt in Wirklichkeit anders.

Szenarien: Geiselnahme oder Banküberfall?

Zum SNI-Angebot gehören auch „Verhandlungstaktiken von Polizei und FBI“. Der langjährige Chef der Münchener Mordkommission Josef Wilfing ist ebenso dabei wie Gary Noesner vom FBI. SNI-Chef Matthias Schranner präsentiert sich als ehemaliger Verhandlungsführer der Polizei bei Geiselnahmen und Banküberfällen. Da kann sich die GdL aussuchen: wird sie vom Bahn-Konzern als Geisel behandelt oder als Bankräuber?

Den Gegner bewusst in eine Sackgasse manövrieren

1905 in Tiflis: Streikende Arbeiter haben eine Lok umgestürzt.1905 in Tiflis: Streikende Arbeiter haben eine Lok umgestürzt.

Eine strategisch angelegte Verhandlung hat nach SNI-Prinzipien auch das mögliche Ziel, den Gegenüber „bewusst in eine Sackgasse“ zu manövrieren. Zum Beispiel: Man macht einige Zugeständnisse, der Streik wird abgebrochen, aber die eigentlichen Verhandlungen stehen noch aus. Nach zwei Monaten, wenn die Verhandlungen wieder beginnen, wird die frühere Vereinbarung widerrufen. Die Gewerkschaft muss überlegen, ob sie neu streiken soll.

Eine andere Strategie besteht darin: Man gibt sich als verantwortungsvoller Konzern, der sich um das Wohl der Kunden kümmert und jeden Streik vermeiden will. Gleichzeitig kann man den Gegenüber in einen Streik hineintreiben, nach dem SNI-Motto „Warum ein Streik nicht vermieden werden sollte“.

Die Spezialisten beraten einen Konzernvorstand auch darin, wie man den Gegenüber in ein Wechselbad der Gefühle taucht. Im SNI-Seminar zur Ausbildung als „Zertifizierter Verhandler“ wird gelernt, wie man „stressverschärfende“ mit „stressvermindernden Elementen“ abwechselt. Der Erziehungswissenschaftler und Kriminologe Professor Jens Weidner ist Experte dafür, wie man Aggressivität in Verhandlungen einsetzt. Stefan Spies hat Opernsänger ausgebildet und Opern inszeniert. Er trainiert die Verhandlungsführer beim Einsatz der richtigen Körpersprache.

Überläufer als Top-Verhandler

1922 in Plattsmouth, Nebraska, USA: Streikende Arbeiter der Gewerkschaften Brotherhood of Railroad Car men und  International Association of Machinists im Bahnausbesserungswerk Burlington. 1922 in Plattsmouth, Nebraska, USA: Streikende Arbeiter der Gewerkschaften Brotherhood of Railroad Car Men und International Association of Machinists im Bahnausbesserungswerk Burlington.

Bayreuther war Richter für Arbeitsrecht. Er verließ diese neutrale Position. Er baute für den privatisierten Bahn-Konzern den eigenen Arbeitgeberverband auf, in dem die zahlreichen Tochter-Holdings Mitglied sind: DB Schenker, DB Regio, DB Netz usw. Auf der SNI–Website wird er mit der Fähigkeit angepriesen: „Nutzen von irrationalen Forderungen“ der Gegenseite. Dazu kann auch gehören, Forderungen der Gegenseite erstmal als irrational zu bezeichnen und dann als solche zu behandeln.

Wie Bayreuther gehört auch Stefan Schneider zum SNI-Team. Schneider war lange Jahre Betriebsrat bei Daimler und Verhandlungsführer der IG Metall. Danach wechselte er die Seite und stieg zum Personalleiter auf. Jetzt ist er als selbständiger Manager-Berater tätig. Seine Qualifikation: Er „kennt die Motivlage von Betriebsräten und Gewerkschaften“.
Zusammen bestreiten Bayreuther und Schneider Seminare, wie die Arbeitgeberseite am besten mit „ideologisch geprägten Betriebsräten“ umgeht.

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Der Beitrag erschien in ursprünglich in: streik-zeitung, Nr. 4 Februar/März 2015, S. 4. (hier als pdf)

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Hintergrund:

Dienstleistungsbranche „Union Busting“

Der Gründer des FBI Edgar J. Hoover war ein erbitterter Gegner von Gewerkschaften und fanatischer KommunistenjägerTop Union Buster. Der Gründer des FBI J. Edgar Hoover war ein erbitterter Gegner von Gewerkschaften und fanatischer Kommunistenjäger. Er diente unter sechs US-Präsidenten.

Union Busting heißt „Gewerkschaften zerstören“. Diese Tätigkeit ist in den USA als professionelle Dienstleistungsbranche etabliert. Sie besteht aus Anwälten, Detektiven, Psychologen, Management-Trainern, Lobbyisten, gelben Gewerkschaften (Gelb = arbeitet mit der Unternehmensleitung zusammen).

Auch in Europa hat sich die Branche herausgebildet. Detektive schleusen verdeckte Ermittler in die Belegschaften ein. Die von Unternehmen finanzierte Friedrich Carl von Weizsäcker Stiftung lancierte kürzlich einen Gesetzentwurf: Wenn die „öffentliche Daseinsvorsorge“ berührt wird, sollen Streiks begrenzt oder verboten werden. Dabei wird „öffentliche Daseinsvorsorge“ sehr weit gefasst, auch Landesverteidigung, innere Sicherheit, Verkehr, Kinderbetreuung, Zahlungsverkehr und Bestattung gehören dazu.

Das Schranner Negotiations Institute SNI gehört ebenso zur Branche wie Arbeitsrechts-Anwälte, die grundsätzlich nur die Arbeitgeberseite vertreten. In Deutschland sind das etwa die Rambo-Anwälte der Kanzleien Helmut Naujoks und Schreiner + Partner, aber auch die diskreten Anwälte von US-Kanzleien wie Freshfields und Hogan Lovells. Als Staranwalt für die Verhinderung von Streiks in Deutschland gilt Thomas Ubber von der Kanzlei Allen & Overy: Er vertrat Fraport gegen die Gewerkschaft der Fluglotsen (GdF) und die Lufthansa gegen die Vereinigung Cockpit (VC). Der Bahn-Konzern beauftragt ihn jedesmal gegen die GdL wie zuletzt im November 2014.

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Werner Rügemer hat mit Elmar Wigand zum Thema das Buch »Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung« veröffentlicht (Papyrossa Verlag, Köln 2014, 220 Seiten, 14,90 Euro).

Aktion: Neue Mitglieder erhalten das Buch “Die Fertigmacher”!

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